
Leitartikel: "Wehrpflicht neu denken: Pflicht, Perspektive, Potenzial"
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig, Wahlkreis Diepholz/Nienburg I, bezieht als Oberstleutnant der Reserve Stellung zur sicherheitspolitischen Lage – und wirbt in diesem Zusammenhang für eine moderne Form der Wehrpflicht mit Perspektive und gesellschaftlichem Mehrwert:
„Die sicherheitspolitische Lage hat sich in der jüngeren Vergangenheit dramatisch verändert. Seit über drei Jahren herrscht Krieg in Europa – und ob die USA unter Präsident Trump künftig noch eine verlässliche Stütze der europäischen Sicherheit sein werden, ist fraglich. Diese Entwicklungen machen deutlich: Deutschland braucht eine neue Wehrpflicht – als verpflichtenden Dienst für Frauen und Männer, mit einem Mindestumfang von einem Jahr.
Freiwilligkeit allein reicht angesichts der Bedrohungslage nicht mehr aus, um die Landes- und Bündnisverteidigung langfristig sicherzustellen. Wir benötigen eine verlässliche Personalbasis, die mit einem fairen, modernen Dienstmodell verknüpft ist – und jungen Menschen echte Perspektiven eröffnet.
Ein verpflichtender Dienst bedeutet auch: Die bisherige Gewissensprüfung entfällt. Künftig soll es nur noch die Wahl zwischen Wehr- und Ersatzdienst geben – ohne ideologisch geprägte Prüfverfahren. Das schafft Gleichbehandlung und reduziert den erheblichen bürokratischen Aufwand, der in der Vergangenheit mit der individuellen Prüfung verbunden war.
Wer heute Wehrdienst leistet, geht größere Risiken ein als frühere Generationen in Friedenszeiten. Diese Einsatzbereitschaft braucht Anerkennung – aber auch konkrete Anreize. Motivation entsteht nicht durch Zwang, sondern durch echte Entwicklungschancen.
Der Wehrdienst ist heute bereits deutlich attraktiver als noch zu Beginn der 2000er Jahre: Während 2008 noch ein Tagessatz von 9,41 Euro gezahlt wurde, erhalten junge Menschen heute in der Grundausbildung mindestens 1.430 Euro netto im Monat – oft mehr als in vielen zivilen Ausbildungen. Auch die Unterbringung hat sich verbessert: Statt acht Personen pro Stube wohnen Rekrutinnen und Rekruten seit 2021 in modernen Zwei- bis Vierbettzimmern. Neben einer soliden, praxisnäheren Ausbildung profitieren die jungen Menschen zudem von einer stetig wachsenden Zahl an Fördermöglichkeiten – auch über die eigentliche Dienstzeit hinaus.
Doch es bleibt Luft nach oben: Ein staatlicher Zuschuss zum Führerschein, ge-zielte (Weiter-)Bildungsangebote, Ausbildungsplätze sowie bevorzugte Über-nahmen in den öffentlichen Dienst könnten weitere starke Anreize schaffen, sich länger beim Bund zu engagieren.
Auch die Zahl der Reservistinnen und Reservisten wächst – eine Entwicklung, die wir strukturell unterstützen müssen. Dafür braucht es ein verbindliches Reservistenkonzept mit klaren Leistungen und festen Rahmenbedingungen – auch für Arbeitgeber. Wer Beschäftigte für Reservedienste freistellt, muss wissen: Der Staat steht an seiner Seite – mit klaren Ausgleichsregelungen und Planbarkeit. So schaffen wir Akzeptanz und Stabilität.
Ein Blick in die USA zeigt, wie Reservisten langfristig gebunden werden können: Wer dort das 60. Lebensjahr erreicht und über 20 qualifizierte Dienstjahre vorweist, hat lebenslangen Zugang zum militärischen Krankenversicherungssystem (TRICARE) – inklusive kostenfreier medizinischer Versorgung. Ein solches Modell ist auch bei uns denkbar: So könnten langjährig engagierte Reservisten etwa bevorzugt Zugang zu Bundeswehrkrankenhäusern oder Zuschüsse zur Krankenversicherung erhalten.
Der neue Wehrdienst bietet zugleich die Chance, junge Menschen an wichtige Berufsgruppen heranzuführen – ob im Gesundheitswesen, in der Pflege oder in technischen Berufen. Die Bundeswehr braucht Sanitäter, IT-Spezialisten, Mechaniker und viele mehr – ebenso wie der zivile Bereich. Ein moderner Pflicht-dienst kann so auch zur Fachkräftesicherung beitragen.
Ich will eine neue Wehrpflicht, die Sicherheit schafft, Chancen bietet und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Wer gibt, soll auch etwas zurückbekommen – das ist mein Verständnis von Fairness und Verantwortung in einem modernen Staat.
Axel Knoerig